Mobilität ist ein zentraler Faktor sozialer Teilhabe. Doch eine heute veröffentlichte Studie des Paritätischen Gesamtverbands zeigt erstmals, dass der Zugang zu vergünstigten Nahverkehrstickets in Deutschland stark vom Wohnort abhängt. Auch Bayern hat nur wenige Angebote – und das zu sehr unterschiedlichen Preisen. Der Verband fordert daher die Einführung eines bundesweit einheitlichen „Deutschlandticket Sozial“ für 25 Euro im Monat.
Wer Glück hat, lebt in einer von sieben Städten oder Landkreisen in Bayern (Würzburg, Nürnberg, Regensburg, Erlangen, Fürth, Augsburg, Herzogenaurach), in denen es ein ermäßigtes Deutschlandticket für Menschen mit Sozialleistungsberechtigung gibt. Die Preise liegen zwischen 15 und 50 Euro. In Würzburg gibt es das bundesweit günstigste „Deutschlandticket Sozial“. Es kostet 15 Euro. Das „Deutschlandticket Sozial“ in Herzogenaurach ist mit 50 Euro das zweitteuerste bundesweit.
„Mobilität hängt leider auch in Bayern vom Geldbeutel und vom Wohnort ab“, fasst Margit Berndl, Vorständin des Paritätischen in Bayern, die Ergebnisse der Studie zusammen. „Vor allem der ländliche Raum ist im wahrsten Sinne des Wortes abgeschnitten. Wer aber nicht mobil ist, ist ausgeschlossen. Das verschärft soziale Ungleichheit. Ein einheitliches Sozialticket kann auch einkommensschwachen Menschen Mobilität und damit Teilhabe ermöglichen.“
Das „Deutschlandticket Sozial“ soll für alle Sozialleistungsempfangenden gelten, also Beziehende von Bürgergeld, Wohngeld, Kinderzuschlag, Sozialhilfe, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung sowie Leistungen nach dem Asylbewerbergesetz.
Wie groß der Bedarf an bezahlbarer Mobilität ist, hat der Erfolg des 2022 eingeführten 9-Euro-Tickets gezeigt. Für Menschen mit geringen Einkommen bedeutete es eine erhebliche Entlastung. Mit der Einführung des Deutschlandtickets für zunächst 49 und mittlerweile 58 Euro pro Monat stehen jedoch viele Menschen vor großen finanziellen Hürden. Menschen mit niedrigen Einkommen und Armutsbetroffene können sich das Ticket oft nicht leisten. Das Ziel eines „Deutschlandtickets für alle“ bleibt damit unerfüllt.
Der auf der Paritätischen Webseite kostenfrei zugängliche „Sozialticket Atlas“ dokumentiert detailliert die erheblichen regionalen Unterschiede bei Sozialtickets: Die Verfügbarkeit vergünstigter Nahverkehrstickets in Deutschland ist extrem uneinheitlich und ohnehin eher die Ausnahme. Während Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen sowie 28 Kommunen Sozialtarife für das Deutschlandticket anbieten, fehlen solche Angebote in großen Teilen des Landes komplett. Auch bei den Preisen gibt es erhebliche Unterschiede: In Würzburg kostet das vergünstigte Deutschlandticket nur 15 Euro, in Magdeburg hingegen 53 Euro.
Auch bei den regional gültigen Sozialtickets gibt es je nach Region erhebliche Unterschiede, sowohl bei den Zugangsberechtigungen, als auch im Preis. Besonders problematisch: In 243 von 497 Landkreisen und Kommunen gibt es gar keine Sozialtarife. Zudem ist ein Stadt-Land-Gefälle erkennbar: Während drei von vier städtischen Kommunen ein Sozialticket anbieten, ist es nur eine von drei ländlichen Kommunen.
Die Finanzierung eines „Deutschlandticket Sozial“ wäre durch Umschichtungen innerhalb des Verkehrsbudgets leicht möglich: Allein 2020 flossen 25 Milliarden Euro in klimaschädliche Subventionen im Verkehrssektor. Ein bundesweites Sozialticket würde weniger als 1,5 Prozent dieser Summe erfordern. Auch der europäische Klima- und Sozialfonds für Wärme und Verkehr könnte für eine Übergangsfinanzierung genutzt werden.
Weitere Informationen wie eine interaktive Karte stehen hier zum Abruf bereit: https://www.der-paritaetische.de/sozialticket
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Über den Paritätischen Wohlfahrtsverband in Bayern
Der Paritätische in Bayern ist einer der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Dem Landesverband haben sich rund 800 Mitgliedsorganisationen angeschlossen, die in allen Bereichen der Sozialen Arbeit tätig sind. Der Paritätische ist zudem selbst Träger sozialer Einrichtungen und unterhält bayernweit diverse Pflegeeinrichtungen. Er ist parteipolitisch und konfessionell unabhängig und an keine Weltanschauung gebunden. Mehr Infos: https://www.paritaet-bayern.de/